Landstraße bei Nacht: Eine Biografie in Umwegen

Ich bin irgendwann falsch abgebogen, war aber stur genug, umzudrehen

Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Früher las ich unter der Bettdecke, später träumte ich von Film, Literatur und Musik – und davon, Regisseur zu werden. Doch mein Weg führte mich erst einmal über Umwege: Ich absolvierte eine Ausbildung zum Kommunikationselektriker, lebte in München und arbeitete bei der Bavaria, drehte Kurzfilme, besuchte die Abendschule, studierte und war viele Jahre in der Kommunikation für Unternehmen, Verbände und Politik tätig.

Eigentlich wollte ich dort immer nur kurz bleiben. Aus „kurz“ wurden fast zweieinhalb Jahrzehnte – intensiv, lehrreich, oft spannend, nicht selten ernüchternd. Irgendwann wurde der Druck zu groß. Der notwendige Neustart brachte mich schließlich dorthin zurück, wo ich eigentlich immer hinwollte: zu den Geschichten.

Heute schreibe ich Bücher, Kurzgeschichten, Theatertexte und Drehbücher, stehe bei Lesungen auf der Bühne und leite die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Theaterhaus Stuttgart. In meinen Texten bewege ich mich zwischen Spannung, Zeitgeschichte und Regionalkrimi, wobei ich eine Vorliebe für Stoffe mit Atmosphäre, Brüchen, dunklen Ecken und schrägen Figuren habe.

Kurz gesagt: Ich bin irgendwann falsch abgebogen, war aber stur genug, umzudrehen. Heute mache ich ziemlich genau das, was ich mir als Jugendlicher erträumt hatte: Geschichten finden und erzählen – nicht (nur) als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als gute Art, sie besser zu verstehen.



Der Rückspiegel im Blick: 
Warum ich erst falsch abbiegen musste, um meine Geschichten zu finden

Und wem das oben zu kurz ist, hier die ganze Geschichte ...

Hinter jeder Geschichte steckt ja meistens noch eine andere. Die eigentliche Geschichte. Die, ohne die alles andere gar nicht erst passiert wäre. Und genau das ist wohl auch meine. 

Manche Biografien verlaufen wie eine schnurgerade Autobahn. Das kann ich von meiner nun wahrlich nicht behaupten. Sie gleicht eher einer Landstraße bei Nacht: viele Kurven, gelegentlich Nebel, ein paar riskante Überholmanöver – und am Ende die Erkenntnis, dass das Ziel eigentlich schon immer im Rückspiegel zu sehen war. 

Geschichten begleiten mich nämlich schon ziemlich lange. Irgendwo gibt es sogar noch eine Kiste mit Kurzgeschichten aus meiner Schulzeit. Die bleibt allerdings gut verschlossen. Man muss es mit der Offenheit ja nicht übertreiben. 

Alles begann unter der Bettdecke

Alles begann – wie sollte es anders sein – unter einer Bettdecke. Während andere Kinder friedlich schlummerten, war ich schon immer für spannende Geschichten zu haben. Ich ermittelte zusammen mit den „Drei ???“ oder verlor mich in Welten, die weit spannender waren als das Periodensystem der Elemente. Das war eine meiner verlässlichsten Disziplinen. Lehrer:innen, Eltern und Großeltern hätten sich diese Aufmerksamkeit wahrscheinlich auch gelegentlich für die Schule gewünscht. Aber wenn ich die Wahl zwischen Formeln und einem guten Buch hatte, war die Entscheidung ziemlich eindeutig. Sagen wir so: Nicht jedes Talent zeigt sich früh im naturwissenschaftlichen Bereich. 

Früh klar war dagegen, dass mich Film, Literatur und Musik weit mehr interessierten als alles, was man gemeinhin unter einer soliden beruflichen Laufbahn versteht. Ich habe mich sogar bei Roland Emmerich beworben, als er für „Moon 44” Leute suchte. Hollywood war quasi zum Greifen nah! Der Film wurde nicht weit weg von meiner Heimat gedreht und ich war fest davon überzeugt, dass meine große Stunde gekommen sei. Doch sie kam nicht. Ich war schlicht zu jung. Geknickt war ich trotzdem. Seine Filme habe ich mir danach aber weiter angeschaut – die guten ebenso wie die weniger guten. So loyal bin ich dann doch, auch wenn wir uns leider nie begegnet sind. 

Später liefen im Kino Center in der Marienstraße in Stuttgart alle James-Bond-Filme, auch die alten mit Sean Connery. Sie wurden immer montags um 14 Uhr gespielt und ich hatte es deshalb immer extrem eilig nach der Schule, um die Straßenbahn zu bekommen. Daher kann auch ich als Spätgeborener sagen, dass ich jeden einzelnen Bond-Film mindestens einmal im Kino gesehen habe. Einige sogar öfter. Manche sogar so oft, dass ich hin und wieder unbewusst Dialoge mitgesprochen habe oder alle relevanten Eckdaten zu jedem einzelnen Film herunterbeten konnte. Das war damals meine Religion. 

Nicht wie geträumt

Aber sonst lief es nicht wie geträumt. Anstatt auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen, absolvierte ich erst einmal eine Ausbildung zum Kommunikationselektriker. Die wichtigste Erkenntnis dieser Zeit war, dass Kai und die Elektrotechnik etwa so gut zusammenpassten wie eine Kuschelrock-CD in einen Punk-Club. Ich wusste also: Das ist überhaupt nichts für mich. Absolut nichts! Als Kommunikationselektriker habe ich nie gearbeitet. Zum Glück – für mich, für die Geschichten und vermutlich auch für alle Geräte, die lieber in Frieden weiterfunktionieren wollten. 

Also begann ich, meinen Träumen hinterherzulaufen. Und die waren schnell sortiert: Film, Literatur, Musik. Regisseur zu werden, klang damals nach einem sehr vernünftigen Plan. Zumindest für jemanden wie mich. 

Großen Anteil daran hatte auch meine musikalische Sozialisation. Bei meiner Mutter liefen Punk- und Indierock. Ich bin mit Bands wie „Fehlfarben“ (ich halte „Monarchie und Alltag“ noch immer für eines der besten deutschsprachigen Alben), „Joy Division“ (leider verstarb der Sänger Ian Curtis viel zu jung), „Bauhaus“ (das fast zehnminütige „Bela Lugosi's Dead“ ist ein grandioser Song), „New Model Army“ (das ist wahrscheinlich die Band, die ich bis heute am häufigsten live erlebt habe) und „The Cure“ (die Alben „Faith“ und „Pornography“ sind erste Sahne) aufgewachsen. Das prägt. Mein Musikgeschmack gilt bis heute als etwas schräg. Und das ist gut so. 

Ein schwarzer Kanarienvogel im zu kleinen Käfig

Mein erstes Live-Erlebnis waren „And Also The Trees“ im Maxim in Stuttgart – und von da an war klar, in welche Richtung es geht. Während andere anderswo, in den Schickimickiclubs, unterwegs waren, trieb ich mich lieber in der Röhre oder im Odeon, Stuttgarts damaligem Gothic-Hotspot Nummer eins, herum. Ich trug immer Schwarz, hatte einen Undercut, hochgestellte schwarze Haare, spitze Schuhe und zog mir gelegentlich auch einen präzisen Kajalstrich. Ich war ein echter Grufti, der den Sound von „Fields of the Nephilim“, „Sisters of Mercy“ und „The Mission“ im Ohr und den Traum vom Filmemachen im Herzen trug. Und doch war ich ein Exot in meiner Heimatstadt Fellbach, so etwas wie ein schwarzer Kanarienvogel im zu kleinen Käfig. Mein erster Ferienjob war mit 16 übrigens auf dem Friedhof in Fellbach – vielleicht kommt daher meine leicht morbide Ader, wer weiß. Um Geld dazu zu verdienen, habe ich im Eff-Eff in Fellbach gejobbt und Musik aufgelegt – immer extra laut „Hate is a 4-Letter Word“ von Shock Therapie. Das Eff-Eff war damals eine angesagte Szenekneipe in der Region und ein Ort, an dem man einfach sein konnte, wie man war. 

Um meinen Träumen näherzukommen, zog ich irgendwann nach München in die Nähe der Bavaria. Rückblickend war das eine der spannendsten und abwechslungsreichsten Zeiten meines Lebens. Aber auch eine der chaotischsten und ungeordnetsten Phasen. Egal. Also verkaufte ich mein Auto und kaufte ein Fahrrad – auch das war eine Form der Charakterbildung. Ich mietete ein kleines Zimmer in der Ickstattstraße. Die Isar war fast vor der Tür, das Sendlinger Tor um die Ecke – mehr Mittelpunkt der Welt brauchte ich damals nicht. Außerdem konnte man dort schon damals hundert Meter weiter um die Ecke im Ballhaus an jedem Tag der Woche bis 18 Uhr frühstücken – in Stuttgart war das damals undenkbar. Ich jobbte auf dem Gelände der Filmstudios, wirkte bei Produktionen vor und hinter der Kamera mit, war gefühlt ständig im Kino, hing in der Muffathalle auf Konzerten herum oder lag einfach an der Isar, mit einem Buch in der Hand oder Musik auf den Ohren. In diese Zeit fällt für mich der Film „Reality Bites“ mit Winona Ryder und Ethan Hawke. Wenn ich meine All-Time-Favorites nennen müsste, wäre dieser Film dabei. Den Film kann ich mir bis heute immer wieder anschauen. Außerdem „Perfect World“ und „In the Line of Fire“. Beides Filme mit Clint Eastwood, über den ich später eine kleine Biografie für den Schüren Verlag schreiben durfte. Bei letzterem hat Wolfgang Petersen Regie geführt, dessen Kulisse von „Das Boot“ ja in München auf dem Bavaria-Gelände steht. So schließt sich ein Kreis. Aber auch „Das Geisterhaus“ und „Zeit der Unschuld“ (beide mit der grandiosen Winona Ryder), „Im Namen des Vaters“ (mit Daniel Day-Lewis), „Fearless“ (mit Jeff Bridges), „California“ (mit Brad Pitt) und das herausragende „True Romance“ (Regie: Tony Scott, Drehbuch: Quentin Tarantino) sowie „Gilbert Grape“ mit Johnny Depp und Leonardo DiCaprio, der für seine Nebenrolle für den Oscar nominiert wurde, gehören zu meinen Favoriten. Nicht zu vergessen natürlich die erste Verfilmung von „The Crow“ mit dem während der Dreharbeiten verstorbenen Brandon Lee. Ein düsteres Meisterwerk mit einem herausragenden Soundtrack, auf dem sich ein grandioses Cover des Joy-Division-Songs „Dead Souls“ von den Nine Inch Nails befindet. 

Ach so, Musikalisch begleitete mich vor allem auch Niels Frevert mit seiner inzwischen längst aufgelösten Band „Nationalgalerie“ durch diese Zeit, deren Song „Himmelhochjauchzendzutodebetrübt“ - bis heute irgendwie ganz gut mein Lebensgefühl beschreibt.* 

Wenn das Leben dazwischen kommt

Doch das Schicksal schreibt bekanntlich die eigenwilligsten Drehbücher. 

Denn dann kam das Leben dazwischen, wie es das eben gern tut. Aus persönlichen und familiären Gründen zog es mich zurück in die schwäbische Heimat. Den Traum vom Film wollte ich trotzdem noch nicht aufgeben und drehte weiterhin Kurzfilme. Diese bewegten sich irgendwo zwischen Krimi, Thriller und Horror, also genau in den Genres, in denen ich mich schon immer am wohlsten gefühlt habe. Hitchcock, Stephen King, Das Schweigen der Lämmer, Sieben – harmlos war nie so richtig mein Beuteschema. 

Aber wie es manchmal so ist, hält sich das Leben nicht immer an die Dramaturgie, die man selbst vorgesehen hat. Es folgten die Abendschule, das Büffeln fürs Abitur, ein Studium zum Mediendesigner und schließlich berufliche Stationen, die mit meinem ursprünglichen Plan nur noch am Rande zu tun hatten. Ich landete in der Kommunikation, später in Unternehmen, Verbänden und Politik, war viele Jahre als Pressesprecher unterwegs und oft eher im 24/7-Modus als in irgendeiner Form von Balance. Eigentlich wollte ich da immer nur kurz bleiben. Aus dem „kurz“ wurden dann fast zweieinhalb Jahrzehnte. 

Ernüchtert zurück auf dem Boden

Es war eine intensive, lehrreiche, aber auch nicht selten ernüchternde Zeit. Ich habe Management, Macht, Politik, Einfluss und Eitelkeiten aus nächster Nähe erlebt – und dabei vor allem eines gelernt: Auch ganz oben kochen alle nur mit Wasser. Nur manchmal in schöneren Küchen. In all den Jahren ist mir erstaunlich oft mehr Schein als Sein begegnet. Irgendwann wurde der Druck einfach zu groß. Wer sich dauerhaft in dieser Tretmühle befindet, sollte sich nicht wundern, wenn er irgendwann aus der Kurve getragen wird. Ganz überrascht war ich trotzdem. Der harte Stopp war aber notwendig. Eine Vollbremsung von 180 auf null. Unschön, aber heilsam. 

 

Und genau da begann im Grunde der eigentliche Neustart. Oder anders gesagt: der Moment, in dem ich wieder dort ankam, wo ich ursprünglich hinwollte, aber irgendwann falsch abgebogen war – bei den Geschichten. 

 

Heute schreibe ich Bücher, Kurzgeschichten, Theatertexte und Drehbücher. Ich stehe bei Lesungen auf der Bühne und leite die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Theaterhaus Stuttgart. Der kultige Ort am Stuttgarter Pragsattel ist nicht nur eine der schönsten Spielstätten für Kultur überhaupt, sondern auch ein Ort der Offenheit und Kreativität. All das passt erstaunlich gut zusammen: die Liebe zu Sprache, zu Kultur, zu Menschen und zu Geschichten. Und es fühlt sich endlich wieder nach dem richtigen Ort an. 

 

Brüche und dunkle Ecken faszinieren mich

In meinen Büchern bewege ich mich gerne zwischen den Genres Spannung, Zeitgeschichte und auch mal Regionalkrimi. Mich reizen Stoffe, die vielleicht nicht immer geschniegelt daherkommen, aber genau deshalb interessant sind. Es sind Geschichten mit Atmosphäre, mit Brüchen, mit dunklen Ecken und schrägen Figuren, die mich reizen. Vielleicht, weil das Leben selbst selten geschniegelt ist. 

 

Bis heute zieht es mich auf Konzerte, bevorzugt mit Indie-, Postpunk- oder artverwandter Musik (Tocotronic, Kettcar, Bad Religion, Beatsteaks etc.). Im Kino hat sich mein Geschmack inzwischen deutlich in Richtung Arthouse erweitert, auch wenn ich einem guten Krimi, den Filmen von Christopher Nolan oder einer düsteren Serie weiterhin nur schwer widerstehen kann. Bei Büchern ist es ähnlich: Ob düstere Krimis à la Jo Nesbø, die feine Beobachtungsgabe eines John Irving, der liebevolle Zynismus eines T. C. Boyle oder die fein gesponnene Handlung der Romane von Joel Dicker – ich liebe Stoffe, die wehtun, glänzen und etwas über das Menschsein verraten. So wie in den Büchern von Benedict Wells oder Ethan Hawke, der mich nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Autor begeistert. 

 

Geschichten um die Welt zu verstehen

Zusammenfassend kann ich sagen: Irgendwann und irgendwo bin ich mal falsch abgebogen, aber ich war stur oder verzweifelt genug, umzudrehen. Heute mache ich ziemlich genau das, was ich mir als Jugendlicher erträumt hatte. Ich finde Geschichten, erzähle sie und berühre, unterhalte und kippe im besten Fall noch ein bisschen aus der Wirklichkeit. Nicht als Flucht, Sondern als sehr gute Art, sie besser zu verstehen. 

 

Wer mich heute trifft, sieht vielleicht keinen Kajal mehr um meine Augen, aber immer noch den inzwischen erwachsenen Jungen von damals. Ich weiß: Das Leben ist vielleicht kein Hollywood-Film, aber verdammt gute Literatur. 

 

Am Ende bin ich also wahrscheinlich einfach jemand, der nie aufgehört hat, an die Kraft guter Geschichten zu glauben. Vielleicht musste ich aber gerade deshalb einen etwas längeren Umweg nehmen, um wieder genau dort anzukommen. 

 

*Himmelhochjauchzendzutodebetrübt Lyrics 

Öffne die Augen 

Fall aus dem Bett 

Suche im Spiegel 

Blick hindurch 

Bis auf den Grund 

Des daseins der seele 

Mögen sie menschen? 

Und was ist mit denen? 

Schon mal die Bibel gelesen? 

Und? Was ist wichtig? 

Und was ist egal? 

Und was braucht jeder zum Leben? 

 

Von tieftraurig 

Bis überglücklich 

Ist es nur ein kleiner schritt 

Und irgendwann kommt 

Himmelhochjauchzendzutodebetrübt 

 

Gehe auf die straße 

Die stadt ist wie milch 

Kocht übergelaufen 

Ein schlauer spruch 

Das leben wäre bunt 

Und man könnte es kaufen 

Mögen sie menschen? 

Und was ist mit Tieren? 

Zwischen den Zähnen? 

Und? Was ist wichtig? 

Und was ist egal? 

Was braucht jeder zum Leben? 

 

Von tieftraurig 

Bis überglücklich 

Ist es nur ein kleiner schritt 

Und irgendwann kommt 

Himmelhochjauchzendzutodebetrübt 

 

Von tieftraurig 

Bis überglücklich 

Ist es nur ein kleiner schritt 

Und irgendwann kommt 

Himmelhochjauchzendzutodebetrübt 

 

©️Nationalgalerie, 1993 

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